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Evangelische Zeitung vom 28. März 2004


Auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit las Lea Fleischmann im Alten Rathaus Göttingen.


Nach der Lesung signierte die Autorin ihre Bücher und stellte sich den Fragen des Publikums.

Schriftstellerin Lea Fleischmann zu Gast in Göttingen


Göttingen.
Lea Fleischmann ist eine Grenz- und Kulturenwanderin. Die Israelin wurde 1947 in Ulm geboren, ist in Deutschland aufgewachsen und hat als Displaced Person mit entwurzelten Eltern die Nachkriegszeit erlebt. Später war sie Lehrerin an einer deutschen Schule. Doch dann kam der Bruch mit Deutschland, aber nicht mit der deutschen Sprache.
Aus bisher unveröffentlichten Texten über ihre Jugend in Deutschland und zum Terror in Israel, aus ihren Büchern zum Schabbat und über „Rabbi Nachman“ las Fleischmann auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen im Alten Rathaus. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit statt.
Anschaulich beschreibt Fleischmann die bedrückende  Atmosphäre im Lager der Nachkriegszeit und die Jugend in einer sprachlosen Familie, in der „dumpfes Schweigen“ und der Hass auf alles Deutsche den Alltag bestimmten. Später, während des Studiums in Frankfurt am Main, lernt sie die linke Studentenszene kennen und fühlt sich aufgehoben bei Diskussionen und Visionen im verrauchten Club Voltaire, einer „Insel der Freiheit“. In Israel sucht die Ausgewanderte lange nach einer ähnlich ungezwungenen Geborgenheit.
Sie findet sie nicht im Straßencafé, sondern in der Lernstube „Frohes Licht“.
Im grauen, strengen Kostüm mit rot-braunem Hut sitzt Lea Fleischmann aufrecht am Lesetisch. Sie liest mit ruhiger, singender Stimme, spricht akzentuiert und formuliert sehr überlegt. Bei der Textstelle über die Entdeckung der jüdischen Religion lächelt sie. Lea Fleischmann beschreibt, wie sie den Schabbat begeht. „Der Schabbat“, sagt sie, „ist ein großes Geschenk, das mir Jerusalem gemacht hat.“ Mit ihren Kindern zelebriert sie den Tag, an dem weder Medien noch Telefon die Ruhe stören. Doch auch in den Schabbat hinein bricht der Alltag in Israel mit seinem Terror. Fleischmann schildert Trümmer und Scherben, Leid und Tod. Sie habe erkannt, dass ihr Leben nicht in ihrer Hand läge - das habe ihr die Angst genommen.
Doch in ihren Texten kommt nur die israelische Seite vor, kein Wort über Vorgeschichte der Anschläge oder die Ansprüche der Palästinenser. Früher habe sie auf Versöhnung gehofft, sagt Fleischmann. Doch jetzt sei auf der Gegenseite, bei den Palästinensern, kein Gesprächspartner zu finden. Sie appelliert an die Europäer, mit der Hilfe für die Palästinenser immer die Forderung nach demokratischen Strukturen und freien Wahlen zu verbinden. Mit Arafat sei kein Frieden möglich. Sie werde Sharon wählen, weil er derjenige sei, der nicht mit Arafat reden wird.
(Verena Leidig)

 

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