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archivierte Ankündigung:

Veranstaltung

Sonntag
den 18. Juli 2021
11.30 Uhr
 
bis 17.10.2021 im Städischen Museum Göttingen

Gestickte Pracht – gemalte Welt.


Ausstellung im Städtischen Museum

Gestickte Pracht – gemalte Welt. Die Sammlung Tora-Wimpel im Städtischen Museum Göttingen
 

Göttingen. Schummrig ist es in den drei Ausstellungsräumen im Städtischen Museum am Ritterplan. Das Licht ist auf 40 Lux gedimmt. Stoff ist empfindlich. „Wir wollen die Stücke im Museum so lange wie möglich erhalten“, sagt Museumsdirektorin Andrea Rechenberg. Außer dem gedämpften Licht gehören dazu auch eine Entfeuchtung der Luft und Kohlefilter in den eigens für die schmalen, aber sehr langen Tora-Wimpel angefertigten Vitrinen – drei Monate vorher schon fertiggestellt, damit keine Farb- oder Holzausdünstungen die Stücke angreifen können. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen ist viel zu entdecken auf den Wimpeln.

Tora-Wimpel wurden von Familien gefertigt. Sie sind teils bemalt, teils mit Motiven bestickt. Seit dem späten Mittelalter war es üblich, zu Ehren eines neu geborenen Jungen einen Wimpel zu stiften. Die textilen Streifen wurden aus den Beschneidungswindeln eines jüdischen Jungen gefertigt und mit dem Namen des Neugeborenen und seines Vaters, mit Segenssprüchen und Verzierungen versehen. Mit ihnen wurden Tora-Rollen zusammengebunden, die in den Synagogen aufbewahrt wurden. Die Wimpel wurden später bei bedeutenden Ereignissen im Leben des männlichen Nachwuchses hervorgeholt und für Zeremonien genutzt.

„Zeugnisse jüdischen Lebens“

Die Tora-Wimpel seien „Zeugnisse jüdischen Lebens“, berichtet Rechenberg, in der Familie gefertigt und vererbt. Sie „sind sowohl Ausdruck individueller Kreativität und persönlichen Glaubens als auch Dokumentation einer tiefen Verbundenheit zur Gemeinde“, schreibt sie in dem reich bebilderten und sehr informativen Katalog zur Ausstellung, der im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Vier Jahre habe sie daran gearbeitet, berichtet Rechenberg.

Die Wimpel der Göttinger Sammlung wurden weitgehend zwischen dem 17. und dem frühen 19. Jahrhundert hergestellt, erläutert Michal Friedlander vom Jüdischen Museum Berlin in ihrem Katalogbeitrag. „Sie spiegeln also einen recht langen Zeitraum der lokalen jüdischen Tradition wider.“

Personen und Familien zuzuordnen

Ein herausragendes Merkmal der Göttinger Tora-Sammlung: Nahezu jedem Wimpel können konkrete Personen und Familien zugeordnet werden, erklärt Rechenberg. Alle Wimpel bis auf einen sind vor 1917 in die Sammlung des Museums eingegangen. Sie stehen also außerhalb jeglichen Verdachts, von den Nationalsozialisten geraubt worden zu sein.

Ein Teil des Wimpel-Konvoluts kam laut Rechenberg kurz nach der Eröffnung des Museums in die Sammlung, der erste Wimpel 1889 als Spende. Die Tradition solcher Familienwimpel war längst ausgelaufen. Siegfried Benfey, ein Göttinger jüdischen Glaubens und Mitglied im Beirat des Museums, hatte ihn gestiftet – und er überließ dem Museum weitere Judaica. Laut Rechenberg ein Beleg dafür, dass zu dieser Zeit eine weitreichende Gleichberechtigung und Akzeptanz der Bürger jüdischen Glauben erreicht war. Der größte Teil der heutigen Wimpel-Sammlung kam 1917 dazu.

In diesem Jahr kaufte das Museum eine Sammlung von 18 Tora-Wimpeln, die aus der Synagoge in Adelebsen stammten. Sie befanden sich im Besitz eines ehemaligen Lehrers der jüdischen Gemeinde in Adelebsen, Leopold Nathan. Er war im Ersten Weltkrieg im Elsass stationiert. Laut den Recherchen Rechenbergs soll Nathan die Tora-Wimpel dem Museum während eines Heimaturlaubs angeboten haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg reiste Mordechai W. Bernstein im Auftrag des Yiddish Scientific Institute (YIVO) durch Deutschland, um nach Resten jüdischen Lebens zu suchen, die die Vernichtungswut der Nazis überstanden hatten. Im Göttinger Museum ließ er sich die Sammlung der Wimpel zeigen. 1950 würdigte er das Gesehene: „Aber die schönste und merkwürdigste Sammlung habe ich im Städtischen Museum in Göttingen vorgefunden, gehört sie doch zu den wertvollsten. Je älter ein Tora-Wimpel ist, desto farbenprächtiger und interessanter ist er. Fast jeder Streifen ist ein Kunstwerk.“

Derzeit läuft eine große Ausstellung über Bernstein im jüdischen Museum in München. Auch vier Tora-Wimpel aus Göttingen sind dort zu sehen – ausgeliehen mit den notwendigen konservatorischen Vorgaben, sagt Rechenberg.

Erstmals öffentlich zu sehen

Diese Kunstwerke sind jetzt also erstmals öffentlich zu sehen. Im ersten Ausstellungsraum in Göttingen wird erläutert, was Tora-Wimpel sind, welche Bedeutung sie haben, erklärt Adina Eckart. Die wissenschaftliche Volontärin im Museum hat das Konzept für die Ausstellung entwickelt. Im zweiten Raum werden Religion und Kultur beleuchtet, im dritten dann die Geschichte der Stadt und Familiengeschichten.

Ein dreistufiges Textsystem hat Eckart für die Schau ausgearbeitet. An den Wänden finden sich Tafeln mit Basis- und Überblicksinformationen. Kleinere Objektbeschriftungen gehen von der Bildbetrachtung aus. In etwas versteckt angebrachten Schubladen finden sich schließlich Texte, die die Bedeutung der Wimpel lüften. Übersetzungen der Segenssprüche auf den Wimpeln und Besonderheiten sind dort nachzulesen.

Ausschnitte aus jüdischem Leben

Einige wenige Begleitobjekte zeigen Ausschnitte aus jüdischem Leben – wie ein silberner Seder-Teller und drei Hochzeitsringe. Einen solchen Ring steckte der Bräutigam der Braut während der Hochzeitszeremonie an den Zeigefinger der rechten Hand. Der Schmuck wurde anschließend nicht wieder getragen. Auch einige Stickmuster-Tücher unabhängig von jüdischer Tradition sind zu den Tora-Wimpeln gruppiert, mit denen das Sticken des Alphabets und andere kreative Figuren geübt wurden.

Auf den Tora-Wimpeln sind Segenssprüche eingestickt oder gemalt. Zu sehen sind auch symbolische Figuren wie ein Pelikan, der sich die Brust aufreißt, ein Bild für elterliche Liebe. Aber auch Tiere sind abgebildet wie Eichhörnchen und Hirsche. Aber aufgepasst: Die Rollen sind alle von rechts nach links zu lesen.

Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 16.07.2021, Seite 10

Kontakt zum Museum:
Ritterplan 7/8
37073 Göttingen
Tel. 0551/400-2843
E-Mail: museum@goettingen.de