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Pressestimmen und Berichte

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18 weitere Stolpersteine zum Erinnern in der Göttinger Innenstadt

09.02.2018 © HNA

Aktion in der Göttinger Innenstadt: Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die von ihm gefertigten Stolpersteine auch diesmal wieder selbst. © Schröter

Göttingen. In der Innenstadt erinnern 18 neue Stolpersteine, finanziert von Paten, an das Schicksal von jüdischen Mitbürgern, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzte an vier Stellen insgesamt 18 Steine in das Straßenpflaster.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitierte Heiner J. Willen von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) aus dem Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Um genau dies zu verhindern, begann die GCJZ vor zwei Jahren zusammen mit der Stadt Göttingen und dem Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung, zehn mal zehn Zentimeter große Gedenktafeln vor den ehemaligen Wohnhäusern Göttinger NS-Opfer zu verlegen, auf denen Name und Geburtsdatum der Betroffenen sowie Informationen zu Deportation, Flucht oder Ermordung zu lesen sind. Die jetzige Aktion war bereits die vierte dieser Art. „Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten“, sagt Gunter Demnig, der in den vergangenen Jahren in Deutschland und anderen Ländern schon mehr als 50 000 Stolpersteine verlegt und damit das weltweit größte dezentrale Mahnmal für die Opfer des Dritten Reichs geschaffen hat.

Inhaltlich und musikalisch mitgestaltet wurde die Verlegung am Mittwoch unter anderem durch Schüler des Felix-Klein-Gymnasiums und des Max-Planck-Gymnasiums. Sie stellten den zahlreichen Interessierten, die der Verlegung der Stolpersteine beiwohnten, die Lebensgeschichten der früheren Göttinger vor. Verlegt wurden Steine in der Weender Straße vor dem Geschäftshaus Wolsdorff, Im Papendiek (Haus Nummer 3), In der Groner Straße 52 und in der Lotzestraße 20a. Finanziert wurde die Aktion durch Paten, die pro Stolperstein 125 Euro spendeten. „Und ich freue mich wirklich sehr, dass wir auch diesmal wieder für alle Steine Paten gefunden haben“, sagte Heiner J. Willen.

„Immer noch finden sich kleine Spuren“

Von Markus Scharf | 06.02.2018 © Göttinger Tageblatt

Klaus Sievert (links) zeigt Heiner Willen Dokumente aus dem Familienarchiv. Sein Vater kaufte 1939 das Haus von Max Silbergleit. Photo © Quelle: r

Göttingen.. Auf dem Tisch liegt ein aufgeklapptes Fotoalbum, daneben ein anwaltliches Schriftstück aus dem Jahr 1939. Klaus Sievert hält eine Aufnahme in der Hand, zeigt sie dem Besucher. Zu sehen ist ein verbarrikadiertes Schaufenster, das Geschäft dahinter waren kurz zuvor zerschlagen worden. Es ist das Geschäft der Familie Silbergleit im Papendiek 3. Das Foto hat sein Vater aus einem gegenüberliegenden Geschäft gemacht – zwei Tage nach der Reichspogromnacht im November 1938. Sein Besucher ist Heiner Willen, Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen.

Sievert war zweieinhalb Jahre alt, als in Göttingen die Synagoge brannte und überall in der Nachbarschaft die Fensterscheiben zu Bruch gingen. Und er glaubt, sich an die Nacht erinnern zu können, als Klirren und lautes Geschrei durch das Fenster seines Kinderzimmers drangen. Auch dass er auf den Schultern seines Vaters die Löscharbeiten in der Oberen Masch beobachtete, hat er noch vor Augen.

Ladenzeile im Papendiek in der Nachkriegszeit. Quelle: r

Wie die Silbergleits betrieb auch seine Familie ein Geschäft für Schreibwaren und Lederwaren im Papendiek. Sein Großvater hatte das Haus mit den Nummern 4 und 5 kurz nach der Jahrhundertwende neu aufgebaut. Im Erdgeschoss waren zwei Geschäfte, in den oberen Etagen waren Wohnungen untergebracht. 1909 zogen Lea und Max Silbergleit in das schmale Nachbarhaus. Hier erstreckte sich die Ladenfläche über zwei Etagen.

Kurz nach den Übergriffen auf sein Geschäft 1938 musste Silbergleit wie alle jüdischen Geschäftsleute sein Gewerbe abmelden. Wenige Monate später verkaufte er das Haus samt Geschäft an seinen Konkurrenten Kurt Sievert für 12 000 Reichsmark und lebte künftig mit seiner Frau zur Miete in zwei Zimmern des ehemals eigenen Hauses. Als sie im März 1942 deportiert wurden, schufen Handwerker einen Durchbruch zwischen den Häusern: „Ich wurde als kleiner Junge durch das Loch in der Wand in das andere Haus gehoben und stand in einem komplett eingerichteten und verlassenen Wohnzimmer“, erinnert sich Sievert. Die ehemaligen Bewohner lebten zu diesem Zeitpunkt schon im Warschauer Ghetto. Später wurden sie in Treblinka ermordet.

Eine mittlerweile vergilbte Terminvereinbarung eines Göttinger Notars dokumentiert den Verkauf des Hauses 1938. Ein Gerichtsbeschluss aus den 50er Jahren beweist, dass das Gebäude mit der Hausnummer 3 allerdings nicht im Besitz der Familie Sievert geblieben ist, obwohl es ihnen im Zuge der Restitutionsverfahren zu günstigen Konditionen angeboten wurde.

Als er von der Verlegung der Stolpersteine erfuhr, wandte sich Sievert an Willen. Er bot ihm an, ihm die erhaltenen Dokumente und Fotos aus dem Familienbestand als Kopien zur Verfügung zu stellen. „Es ist eine absolute Seltenheit, dass sich Zeitzeugen an uns wenden und ihre Geschichte erzählen.“ Oft genug ist die Auseinandersetzung mit der Familienhistorie in der Zeit des Nationalsozialismus schmerzhaft und für die Nachkommen unangenehm.

Willen nahm Sieverts Angebot dankend an und vereinbarte mit dem Stadtarchiv eine Übergabe der Akten. „Für uns ist das eine wunderbare Sache.“ Man versuche gemeinsam, die Erinnerungen an das jüdische Leben in Göttingen wach zu halten – wie beispielsweise mit der Verlegung der Stolpersteine. Und mit dem Blick auf die Dokumente ergänzt er: „Immer noch finden sich kleine Spuren.“

Von Markus Scharf

Mit großer Ernsthaftigkeit und hoher Konzentration

Von Maria Widemann | 31.01.2018 © 2018 Kulturbüro Göttingen -- mit freundlicher Genehmigung

Der Göttinger Knabenchor, der OHG Konzertchor und der Projektchor VokalArt unter ihrem Leiter Michael Krause © Photo: Widemann

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus fand in der St. Johanniskirche ein gemeinsames Konzert von drei Göttinger Chören unter der Leitung von Michael Krause statt.

Es musizierten der Göttinger Knabenchor, der Konzertchor des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG) und VokalArt, ein Projektchor, der aus ehemaligen Sängerinnen und Sängern der beiden anderen Ensembles besteht. Veranstalter war die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Vorstandsmitglied Pfarrer Hans Haase stellte in seiner Gedenkansprache anhand persönlicher Eindrücke den Zusammenhang zwischen den damaligen Geschehnissen und den heutigen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft her: „Nie wieder“ - ist nicht relativierbar.

Die Vergangenheit vergegenwärtigen - das gelang besonders eindrücklich in den drei Liedern aus Theresienstadt, die im Ghetto komponiert wurden und die vom Bariton Timotheus Maas vorgetragen wurden. Er übernahm auch den Solopart in den 7 Gesängen des Li-Tai-pe, die Franz Herzog, der Gründer des Göttinger Knabenchores, für diesen komponierte. Die Texte stammen aus dem sechsten Jahrhundert und schildern die Schrecken des Krieges in teils drastischen Worten. Die Vertonung nimmt diese Schrecken mit der aktuellen Klangsprache auf. Eine Herausforderung für die jungen Sänger des Knabenchors, der sie sich mit Bravour stellten. Auch der OHG Konzertchor brachte ein modernes, größeres Werk mit Bob Chilcotts „Five Days that Changed the World“ in das Programm ein. VokalArt sang die Vertonung des 84. Psalm von Louis Lewandowski in klangschöner Interpretation. Alle drei Ensembles waren nicht nur sicher in der Intonation, sondern nahmen sich auch der kleineren Werke des Abends wie dem Morgengebet ADON OLAM (Herr der Welt) mit großer Ernsthaftigkeit und hoher Konzentration an. Den Kindern und Jugendlichen war anzumerken, dass sie sich mit den Texten und dem geschichtlichen Hintergrund der Veranstaltung auseinandergesetzt hatten.

Über zwei Stunden hielt die Spannung bei Mitwirkenden und Publikum an, bis zum Schluss alle drei Chöre ein Dona nobis pacem gemeinsam sangen und damit das Publikum in den Abend entließen. Dieses bedankte sich mit langem Applaus.

18 neue Stolpersteine in Göttingen-- Göttinger Tageblatt v. 23.01.2018

Von Peter Krüger-Lenz | 23.01.2018 © 2018 Göttinger Tageblatt

Heiner J. Willen, Vorsitzender der Gesellschaft für christliich-jüdische Zusammenarbeitdie, Izabela Mihaljevic, Volontärin am Städtischen Museum , Peter Aufgebauer, Vorsitzende des Geschichtsvereins, und der Leiter des Städtischen Museums, Ernst Böhme, (v. li.) vor dem ehemaligen Geschäft der Familie Hahn.
Quelle: Niklas Richter

Rund 20 Stolpersteine erinnern in Göttingen an jüdische Familien, die in Göttingen lebten und von den Nationalsozialisten umge­bracht wurden. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Geschichts­werkstatt und das Städtische Museum wollen jetzt 18 weitere Steine verlegen lassen

Göttingen. Rund 20 Stolpersteine erinnern auf Fußwegen in Göttingen an jüdische Familien, die einst in Göttingen lebten und von den Nationalsozialisten umgebracht wurden. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Geschichtswerkstatt und das Städtische Museum wollen jetzt 18 weitere Steine verlegen lassen. Der Künstler Gunter Demnig, der die Rechte an der Idee hält, wird sie Anfang Februar installieren.

Demnig kommt am Mittwoch, 7. Februar, nach Göttingen und wird ab 13.30 Uhr die Steine an verschiedenen Orten installieren. Er hält die Rechte an der Idee: quadratische Betonsteine, oben eine Messingplatte mit Namen und Lebensdaten von Juden, die von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern (KZ) umgebracht wurden oder an den Folgen ihrer Vertreibung zu Grunde gingen.

Demnig beginnt vor dem Haus Weender Straße 70. Hier hatten die Brüder Max Raffael und Nathan Hahn und ihre Ehefrauen Gertrud und Betty ihr Geschäft. Zwei von ihnen wurden ihn Riga ermordet, die beiden anderen im KZ Treblinka. An sie sollen die vier Stolpersteine erinnern, die Demnig in den Straßenbelag einlassen wird.

Die zweite Station ist vor dem Haus Papendiek 3 geplant. Hier lebten Lea und Max Silbergleit. Beide wurden 1942 ins Ghetto Warschau deportiert und später in Treblinka umgebracht. Rosa und Paul Silbergleit lebten in der Groner Straße 52, auch sie fanden in Treblinka den Tod. Vor der Lotzestraße 20a schließlich soll an Aenne und Eugen Meininger erinnert werden. Er starb entrechtet 1935, sie wurde in Auschwitz getötet.

Begleitet wird das Projekt diesmal von Schülern des Max-Planck- und des Felix-Klein-Gymnasiums, die sich mit der Geschichte der Familien auseinandergesetzt haben. Während des Rundgangs und der Stolpersteinsetzungen werden zwei Kamerateams dabei sein. Eines der Teams dreht eine Dokumentation über die Provenienzforschung, die das Städtische Museum als erstes in Niedersachsen umgesetzt habe, erklärte Museumsleiter Ernst Böhme. Das andere Team filmt ein Porträt von Thomas Buergenthal. Seine Mutter war Tochter von Rosa und Paul Silbergleit, verheiratete Buergenthal. Sie überlebte das KZ Auschwitz und wurde aus dem Frauen-KZ Ravensbrück befreit . Später lebte sie mit Sohn Thomas in Göttingen. Der wanderte 1951 in die USA aus und habe unter Eindruck seiner KZ-Erlebnisse dort angefangen, Jura zu studieren, erklärte Peter Aufgebauer, Vorsitzende des Geschichtsvereins. Später hatte er verschiedene Professuren in den USA inne. Von 2000 bis 2010 war er Richter am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag. Buergenthal werde zur Verlegung der Steine nach Göttingen kommen, sagte Aufgebauer. Und: Buergenthal habe ausdrücklich seine Zustimmung dafür bekundet, eine Voraussetzung, die der Göttinger Stadtrat für eine Genehmigung der gesamten Aktion beschlossen hatte. Dieser Beschluss war notwendig geworden, weil die Jüdische Kultusgemeinde Göttingen anfangs Bedenken gegen die Aktion geäußert hatte. Buergenthal werden mit Kindern und Enkeln anreisen, sagte Böhme. Mit Blick auf die „emotionale und psychische Belastung für die Nachkommen“ sei das „nicht hoch genug“ einzuschätzen.

Zentrales Thema der Provenienzforschung sind Gegenstände der Familie Hahn, die in der Sammlung des Museums entdeckt wurden. Sie seien zurückgegeben worden und dem Museum von der Familie umgehend als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt worden, sagte Böhme – „der bewegendste Moment in meiner Laufbahn“.

Gedenkkonzert in Göttingen -- Göttinger Tageblatt v. 22.01.2018

Von Michael Caspar | 22.01.2018 © 2018 Göttinger Tageblatt

Probe des Göttinger Knabenchors für ein Gedenkkonzert für die Opfer des Nationalsozialismus mit Chorleiter Michael Krause.
Quelle: Christina Hinzman

Drei Chöre unter Leitung von Michael Krause gestalten am Sonntag, 28. Januar, um 17 Uhr in der Göttinger Johanniskirche das diesjährige Konzert zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit organisiert ein solches Konzert zum dritten Mal.

Göttingen. „Eure Intonation ist noch nicht ganz sauber“, mahnt Michael Krause, der Leiter des Göttinger Knabenchors. Und ergänzt ermunternd: „Kommt, das schafft ihr.“ Jungen im Alter zwischen neun und 19 Jahren proben am Freitagabend im Musiksaal im Turm des Felix-Klein-Gymnasiums. Die Tische haben sie zur Seite geräumt, den Flügel in die Mitte geschoben. Dort steht nun Krause, spielt mit einer Hand, gibt mit der anderen den mehrstimmig singenden Schülern die Einsätze.

Auf dem Weg zur Oase

„Ihr sackt gnadenlos ab, lasst euch durch das Stück schleppen“, unterbricht er den Gesang. Er drängt: „Ihr müsst weiter zur Oase. Da gibt es für alle eine Fanta.“ Die Jungen üben das Chorarrangement „Adon Olam“ (Herr der Welt), das dem Gedenkkonzert den Namen gegeben. Komponiert hat das Stück Yehezkel Braun, Kind von Auswanderern nach Palästina. Als Grundlage diente ihm die Fassung eines Morgengebets von Juden der Oase Djerba.

Antikriegsgedichte

Mit dem Göttinger Knabenchor studiert Krause auch die Vertonungen von sieben Antikriegsgedichten ein, die der Chinese Li Tai Pe (701-762) einst schrieb. Die Kompositionen stammen von Franz Herzog (1917-1986), der den Chor gegründet hat. Die Botschaft: Hass auf andere Menschen führt zu Gewalt, Krieg und Vertreibung. Am Ende verlieren alle.

Nahostkonflikt

Oft, so der Chorleiter, seien sich feindlich gegenüber stehende Menschen gar nicht so fremd. Er will das am Beispiel des Nahostkonflikts zeigen. Der Konzertchor des Otto-Hahn-Gymnasium, dem Schüler der neunten bis zwölften Klasse angehören, trägt am Sonntag ein arabisches Liebeslied vor: „Hal Asmar El-lon“. Eine Schülerin, Marah Alawad, hat Musiklehrer Krause auf das Stück aufmerksam gemacht. Sie ist mir ihren Eltern aus Syrien geflohen. „Die jüdische und arabische Musik hat gleiche Wurzeln“, kommentiert der Chorleiter.

Abschaffung der Sklaverei

Um Ereignisse, die Menschen jenseits kultureller und religiöser Barrieren zusammenbringen können, geht es in Texten von Charles Bennett. Er nennt etwa die Erfindung des Buchdrucks, die Abschaffung der Sklaverei oder die Entdeckung des Penizillins. Bob Chilcott schuf dazu 2013 Gesänge, die der Konzertchor am Sonntag gemeinsam mit VokalArt, dem ehemalige Sänger des Konzertchors angehören, aufführt.

Mahnmal

„Das Konzert schließt die Veranstaltungsreihe ab, die mit der Gedenkfeier anlässlich des 9. Novembers am Synagogenmahnmal beginnt“, erläutert Heiner Willen, der Vorsitzende der Göttinger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. In den vergangenen zwei Jahren sei jeweils ein Projektchor gebildet worden. Diesmal hätte die Gesellschaft Krause angesprochen, der mit Schülern bereits mehrfach die Veranstaltungen am Mahnmal mitgestaltet hätte. Der katholische Pfarrer Hans Haase werde eine kurze Ansprache halten.

09.11.2017: Gedenken an Reichspogromnacht in Göttingen-- Göttinger Tageblatt v. 12.11.2017

04.11.2017: Erinnerung an Göttinger Wissenschaftler -- Göttinger Tageblatt v. 04.11.2017

21.06.2017: Verdienstmedaille für Göttinger Theologin Dr. Bettina Kratz-Ritter

15.06.2017: Geistliche Musik und israelischer Bibel-Pop

28.02.2017: Willen bleibt Vorsitzender

4.Februar 2017: Alexander-Stiftung verleiht vier Preise

29.Januar.2017: Konzert zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

9. November 2016: Gedenken an die Opfer der Pogromnacht

06. November 2016: Enthüllung der neuen Gedenkstele an der ehem. Weender Landstr. 26


"Hüte die Erinnerung"

Von Christoph Höland | 07.11.2016 © 2016 Göttinger Tageblatt

Quelle: CH

Verdrängt, verfolgt, vergessen: Kaum jemand weiß, dass der Parkplatz am Göttinger Zentralcampus einst Standort eines sogenannten Judenhauses war. Jetzt erinnert eine Gedenkstele an ein dunkles Kapitel der Göttinger Geschichte - dank einiger Studierender, die das Thema aufgearbeitet haben.

Göttingen. "Es war krass, so in die Geschichte einzutauchen", berichtet der Geschichtsstudent Eric Angermann bei der Enthüllung der Stele. Gemeinsam mit Kommilitonen hat er sich eingehend mit dem ehemaligen Gebäude an der Weender Landstraße 26 beschäftigt. Mithilfe von Materialien des Stadtarchivs, des städtischen Museums und des Bovender Plessearchivs beschreiben die Studierenden, wie das Haus vom Rückzugsort zur zwangsweisen Wohnstätte für Göttinger Juden wurde - bevor sie großteils in Konzentrationslager deportiert wurden.

Dabei war das Haus ursprünglich als Gemeindehaus gedacht: Die Gauss-Weber-Loge musste es 1934 auf Druck der Nationalsozialisten verkaufen, die Göttinger Juden brauchten dringend Räume - der Besuch öffentlicher Kulturveranstaltungen war ihnen verboten. Das "Judenhaus" blieb über Jahre ein Ort der Selbstbehauptung, an dem die Gemeinde sich -unter Aufsicht der Gestapo- ihr soziales und kulturelles Leben aufrecht erhalten konnte.

Ab 1939 verschärfte sich die Lage: Die NS-Gesetzgebung ermöglichte arischen Vermietern, Juden die Mietverträge zu kündigen. 42 Göttinger zogen deshalb an die Weender Landstraße. „Unbeschreiblich, Männer und Frauen, jung und alt, Verheiratete und Unverheiratete wurden in einem Raum oder Saal untergebracht. Jeder war gezwungen, sich in dem Raum an- und auszukleiden, zu waschen und zu kochen“, berichtete den Studierenden zufolge ein Zeitzeuge vom Leben dort. Noch belastender war für die Bewohner die ständige Angst vor der Deportation: "Werden sie heute kommen?", habe er sich schon beim Aufwachen gefragt, schildert der damalige Bewohner Viktor Klemper.

Die Angst, die die Bewohner ihm zufolge durch den Tag begleitete, war nicht unberechtigt: Ab 1942 brachten die Nationalsozialisten die Bewohner in unterschiedliche Konzentrationslager. Nur wenige überlebten.

Noch weniger kehrten nach Göttingen zurück. Ihr Gemeindehaus nutzten sie nicht wieder, ein Gericht urteilte, es gehöre der Gauss-Weber-Loge. Die verarmte Gemeinde wurde mit 8000 Mark entschädigt. Zwischen 1966 und 1968 wurde das Gebäude abgerissen um Raum für den Universitätsparkplatz zu schaffen. "Fast 50 Jahre lang hat nichts an die ehemaligen Bewohner erinnert", sagt Angermann. Jetzt gemahnt an der Weender Landstraße 26 eine Gedenkstele.

Aufarbeitung nicht beendet

"Hüte die Erinnerung, vergiss nie das Schicksal dieser Menschen" - es waren eindringliche Worte, mit denen sich Eva Tichauer Moritz als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde bei der Stelen-Enthüllung an die Gäste wandte. Sie und ihre Kollegin Jaqueline Jürgenliemk von der Jüdischen Gemeinde sprachen sich für eine starke Erinnungskultur aus - schließlich habe nach dem zweiten Weltkrieg "nichts in Göttingen an die Geschichte der Göttinger Juden erinnert", wie Jürgenliemk es formulierte.

Tatsächlich gestand Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) ein, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Göttingen lange gebraucht habe.

Ähnliches gelte auch für die Universität, sagte Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Uni wurde ihr zufolge "zu spät begonnen und ist noch lange nicht fertig".


Gedenkstele erinnert an „Judenhaus“

Geschichtsstudierende arbeiten mit viel Akribie Göttinger Vergangenheit auf
© Januar 2017 uni|inform
Enthüllung der Gedenkstele im Beisein von Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und Jacqueline Jürgenliemk, 1. Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttinge

(gb) „Bewahre und Erinnere“ steht auf der Gedenkstele an der Weender Landstraße 26. Auf dem heutgen Parkplatz am Zentralcampus stand während des Nationalsozialismus das jüdische Gemeindezentrum und spätere „Judenhaus“. Die Göttinger Geschichtsstudierenden Eva Klay, Eric Angermann, Jennifer Stümpel, Jan Oestreich, Julia Kopp und Tobias Trutz haben die Geschichte des Gebäudes aufgearbeitet. Auf ihre Initiative ließen die Universität und die Stadt Göttingen ein Denkmal zur Erinnerung an den bisher kaum bekannten Ort jüdischen Lebens in bedrängter Zeit errichten.

1934 kaufte die Jüdische Gemeinde die Immobilie an der Weender Landstraße, um dort Kultur­abende, Konzerte und Vorträge zu veranstalten – der Zutritt zum städtischen Konzert- und Theaterbetrieb war verboten. Außerdem weigerten sich Göttinger Gaststätten zunehmend, jüdische Veranstaltungen zu beherbergen. Ab 1940 wiesen Gestapo und Göttinger Stadtverwaltung Göttinger Juden zwangsweise in das „Judenhaus“ ein, nachdem diese aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben worden waren. Zeitweise wohn- ten hier über 40 Menschen unter zum Teil erbarmungswürdigen Zuständen. Die meisten wurden im Anschluss deportiert und ermordet.

„Mit ihrer Arbeit hat die Gruppe ein Stück in Vergessenheit geratene Geschichte wieder ans Licht geholt“, sagt Prof. Dr. Dirk Schumann vom Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, der das Projekt begleitet hat. Die Studierenden begaben sich auf Spurensuche in die örtlichen Archive, werteten zeitgenössische Quellen aus und zeichneten einzelne Schicksale nach. Mit viel Akribie schildern sie den vergeblichen Kampf um Rückerstattung des Hauses von der Stadt nach 1945. Ende der 1960er-Jahre wurde das Gebäude für den neuen Parkplatz am Zentralcampus abgerissen.

„Wir wollten einen Ort des Gedenkens schaffen, der an die ,Juden- häuser‘ als Schauplätze der Vertreibung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Göttingen erinnert und aufklärt“, sagte Jan Oes­ treich anlässlich der Enthüllung der Stele. „Wir hoffen, dass die Namen und Schicksale der Bewohnerinnen und Bewohner nie in Vergessenheit geraten.“

s.auch Gedenkstele für das Judenhaus in der Weender Landstraße 26




11. September 2016: Exkursion zur Gedenkstätte Ahlem und der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover

12. Februar 2016: 11 Weitere Stolpersteinverlegungen in Göttingen

9. November 2015: "Verdrängt, verfolgt, vergessen" — Erinnerung an den 9. November 1938

20. Januar 2015: Nachrichten aus dem Dekanat Göttingen — Spenden für Flüchtlinge

14. Dezember 2014: Fans ehren jüdischen Göttinger Fußballer Katz

12. Dezember 2014: Späte Ehrung für jüdischen Fußballer Ludolf Katz

9. November 2014: Fans des SC Göttingen erinnern an Reichspogromnacht

28. Oktober 2014: In schöne Melodien gekleidet — der "Projektchor Synagogalmusik"

25. Oktober 2014: Ein Jude in Schwarz und Gelb

26. Juli 2014: Aufruf gegen antijüdische Hetze

16. Juli 2014: Platz der Synagoge — 05-Anhänger reinigen Mahnmal in Götingen

02. Juli 2014: Die Stellung der Hannoverschen Landeskirche zum Judentum

09. November 2013: Für Frieden und Freiheit — 75. Jahrestag der Pogromnacht

22. September 2013: Tagesfahrt nach Goslar

14. September 2013: Der Rat der Stadt Göttingen unterstützt die Verlegung von „Stolpersteinen“

09. April 2013: Initiative für den Jüdischen Friedhof Geismar

13. Oktober 2012: Die andere Fachwerk-Synagoge

05. Juni 2012: „Lokaltermin“ gut angenommen